Eine Seehundjagt der Besatzung des " Hoheweg-Leuchtturmes"
Auf den Leuchttürmen, welche weniger einsam liegen als der Leuchtturm "Roter Sand", ist das Leben der Wärter wechselvoller. 45 Kilometer südlich von Rotersand liegt weseraufwärts " Hoheweg" auf der "Mellumplate". Eine Seehundjagd verschafft den Wärtern vom Hohewegleuchtturm oft eine willkommene Abwechselung; wie es dabei zugeht, mögen die folgenden Zeilen berichten:
An einem klaren, warmen Julimorgen traten drei Wärter vom Hohewegleuchtturm eine schon längst geplante Seehundjagd an. Morgens um 5 Uhr wurde abgefahren nach der quer über dem Fahrwasser liegenden Tegeler Plate, auf der sich seit längerer Zeit 50 bis 60 Seehunde jeden Tag am Strande in der Sonne tummelten. Hein, der Oberwärter, hatte für den ganzen Tag die Wache übernommen. Die Ausrüstung der Jäger bestand aus zwei guten Doppelflinten, zwei Robbenknüppeln und einem vierzinkigen Haken, der an einem langen Stiele sass und zum heranholen der auf tiefen Wasser geschossenen Hunde diente. Zirka 20 Patronen, nullnull Schrot und etwas Mundvorrat ergänzten die Ausrüstung.
Nach zweistündiger Fahrt landeten sie an der Westkante der Plate. Dieselbe ist 2 Kilometer lang und 80 Meter breit. Zur Ebbezeit liegt sie trocken und bildet dann den Tummelplatz zahlreicher Seehunde. Im Osten fällt die Plate steil ab, und solche Stellen liebt der Seehund, damit er, wenn er Gefahr wittert, sofort in tiefes Wasser kommt. Einer von den Jägern blieb beim Boote zurück, die anderen machten sich mit geladenem Gewehr, mit dem Robbenknüppel und dem Haken in halbgebückter, halb kriechender Stellung auf den Weg, der Ostkante zu. Zunächst war nichts zu sehen. Durch günstigen Wind gedeckt, kaman die Jäger auf 200 Meter heran und sahen nun die Köpfe der liegenden Seehunde. Auch diese bemerkten sie gleichzeitig, und mit donnerähnlichem Getöse plumpst die ganze Gesellschaft, wohl an hundert Stück, in das rettende Wasser. Doch auch die beiden Jäger sind nicht müßig gewesen. In rasendem Laufe ging`s hinterher, und wie der letzte Seehund schon halb im Wasser war, sauste ihm der Nagel des Robbenschlägers in den Rücken. Ihn auf den Strand reißen und ihm den Todesschlag auf die Nase geben war im Augenblick geschehen. Hinter dem toten Seehund warfen die Jäger sich glatt auf dem Sand, das Gewehr im Anschlag; dabei ahmten sie die Bewegung der Seehund nach. Es dauerte auch nicht lange, so kamen einige junge Tiere wieder heran. Vorhin waren sie im Gedränge mit fortgerissen worden, ohne zu wissen, warum. Beide Jäger hatten je einen aufs Korn genommen, um, sowie er die Breitseite zeigte, den Schuß abzudrücken. Dicht bei dem jungen Seehund, den sich der eine aufs Ziel genommen hatte, tauchte plötzlich der Kopf eines grßen Seehundes auf, der den kleinen mit seiner Pfote ins Wasser niederdrückte, und weg waren alle beide.
Der war gerettet. Im demselben Augenblick schoß und traf der andere Wärter seine Beute. Als der erbeutete Seehund auf dem Strand gezogen war, hörten sie hinter sich ein Winseln, und beim Umsehen gewahrten sie einen kleinen Seehund, der bis dahin oben am Strande geschlafen hatte. Sie warteten noch längere Zeit, aber kein Kopf zeigte sich wieder. Am nördlichen Ende der Plate lag etwas, das einem Hunde ähnlich sah. Es war ein niedliches, kleine Tier, welches eben das Licht der Welt erblickt hatte und an der Mutter Brust lag. Bei der Annäherung der beiden Jäger suchte die Alte das junge Tier im Maule mit fortzuschleppen, ließ es aber doch schließlich im Stich, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.Es tat den Jägern leid um das unschuldige Tier, welches mit seinen grossen Augen so treuherzig blickte; doch sie töteten es, denn in einigen Wochen wäre es ein gefährlicher Fischräuber gewesen. Da sich keine Seehunde mehr zeigten, riefen sie das Boot heran, um mit ihrer reichen Beute von sechs Stück nach ihrem Turm zu fahren, den sie nachmittags 2 Uhr wohlbehalten erreichten. Den erbeuteten Tieren wurden die Felle abgezogen und der Speck ausgebraten. Aus den schönen, bunten Fellen arbeitet man Bett.- und Schreibtischvorlagen, die weniger schönen liefern Tabaksbeutel, Portemonaies und Brieftaschen. Ein junger, guter, fetter Seehund hat einen Wert von
15 Mark. Die alten Tiere haben nur Tranwert, ihr Fell dient höchstens zue Anfertigung der Schultornister.